Altenhundem

 

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Für die Werktagskapelle in Altenhundem hat Thierry Boissel das Schicksal der Patronin der Kirche, die Heilige Agatha, zum zentralen Thema genommen und es in eine moderne Formensprache übersetzt. So steht die junge Frau, Stellvertreterin der Heiligen Agatha, im Zentrum der Arbeit und öffnet dem Besucher den Kirchenraum, welcher in der photorealistischen Verdoppelung im Glas zu sehen ist. Die Arbeit spielt mit Illusion und Wirklichkeit. Je nach Lichteinfall und Position des Betrachters ändert sich die photorealistische Abbildung des strukturier- ten Glases. So können ganze Personen im Spiel von Licht und Schatten verschwinden oder im Raum auftauchen.

2009-2011
Werktagskapelle in der St-Agatha-Kirche in Altenhundem Lennestad.
Wände der Werktagskapelle ca 18 x 3,2 m In Zusammenarbeit mit Architekten Sonntag und Partner Gbr in Siegen
Ausführung: Glasmalerei Peters in Paderborn
Heißstrukturiertes Floatglas, ESG

 

Kunst am Bau aus Glas und Licht

Achtzehn Meter lang und drei Meter hoch ist die künstlerisch gestalteten Wand aus heiß strukturiertem Glas, entworfen von dem Künstler Thierry Boissel, die sich seit Anfang 2011 in der Pfarrkirche von Altenhundem erhebt.

Autorin: Dr. Christine Jung

Aus der Ferne erscheinen die Strukturen auf den Gläsern wie abstrakte Kompositionen, die nur schemenhaft etwas Figürliches durchscheinen lassen. Von Nahem betrachtet nehmen sie mitunter konkrete Gestalt an, um sich aus einer anderen Perspektive heraus wieder zu verflüchtigen, dem Blick des Betrachters zu entziehen. Je nach Position und Lichteinfall verändern sich Wahrnehmung und Wirkung, verwandeln sich die Bilder, die hier in der neugotischen Pfarrkirche St. Agatha in Altenhundem das neu errichtete Kunstwerk aus Glas prägen: Eine monumentale Trennwand aus heiß strukturiertem Glas, die im hinteren Teil des Sakralbaus die Werktagskapelle zum Kirchenraum abschließt. Entstanden ist ein Raum im Raum, ein kleiner Ort für Gottesdienste mit einer transluzenten Glaswand, die beide Bereiche miteinander verbindet. Der Entwurf für diese moderne Glasgestaltung im historischen Bau stammt von dem Künstler Thierry Boissel, dem Leiter der Studienwerkstatt für Glasmalerei, Licht und Mosaik an der Akademie der Bildenden Künste in München. Realisiert wurde das Werk in Altenhundem in Zusammenarbeit mit dem Architekturbüro Sonntag + Partner in Siegen. Die Ausführung übernahm die Glasmalereiwerkstatt Peters in Paderborn. Und zwar in einer besonderen Technik, die der Künstler eigens zur Herstellung von geprägtem Gussglas entwickelt hat. Es handelt sich dabei um ein spezielles Verfahren, mit dem die am

Computer bearbeiteten Bildmotive als Raster auf eine Matrize übertragen und anschließend in Struktur auf Glas eingeschmolzen werden: Auf diese Weise entstehen fotorealistische Bilder, zusammengesetzt aus vielen Punkt- und Linienrastern in plastischer Formgebung, die aus verschiedenen Blickwinkeln sehr unterschiedliche Ansichten offenbaren. Mit Hilfe dieser Technik wurden auch für die Glaswand in Altenhundem großformatige Reliefs auf Floatglasscheiben geprägt, die in spiegelbildlicher Form auf beiden Seiten sicht- und fassbar zum Vorschein kommen.

Ein gläserner Vorhang

Zu sehen sind mehrere Szenen einer Geschichte, die sich in zeitgenössischen Bildern dem Schicksal der Kirchenpatronin, der Hl. Agatha, widmen. Sie spielen sich ab vor dem Hintergrund eines in fließenden Falten herabfallenden Vorhangs, der sich als zentrales Motiv über die gesamte Komposition hinweg zieht: Ein uraltes Sinnbild für das Verborgene, für das verhüllte Heilige, das hier an einigen Stellen enthüllt und offenbart wird. Im Zentrum des Geschehens steht neben der Eingangstür die Stellvertreterin der Hl. Agatha in moderner Kleidung und öffnet den Vorhang, hinter dem in illusionistischer Darstellung der Innenraum der Kirche sichtbar wird. Das heißt: Die Heilige zeigt den Weg auf, sie verweist in den Chorraum der Kirche, der sich tatsächlich in derselben Perspektive hinter der Tür befindet. Neben der Hl. Agatha finden sich ihre charakteristischen Attribute, die Werkzeuge und Zeichen ihres Martyriums, die – wie abgelegt und vergessen – an einem Stuhl lehnen. Von ihnen geht heute kein Schrecken mehr aus, die Angst ist gebannt, und doch könnten sie jederzeit wieder aufgenommen werden. In diesen Szenen spielt der Künstler auf das Leben und Sterben der Märtyrerin an, das hier aus der Vergangenheit in die Gegenwart, in den

realen Raum der Kirche übertragen wurde. Zu einer Seite der Heiligen erhebt sich eine große Bibliothek als Hinweis auf das Wissen der Welt und ihre Geschichte, während auf der anderen Seite eine Gruppe von zeitgenössisch gekleideten Menschen als Zeitzeugen in Erscheinung tritt. Acht Männer und Frauen unterschiedlichen Alters stehen eng beieinander, festgehalten in einer bestimmten Haltung oder Situation zwischen ihrem Erscheinen und Verschwinden. Menschen aus unserer Zeit, die in ein Gespräch vertieft sind, sich im Dialog befinden, nachdenklich aus dem Bild blicken, sich einander zuwenden oder voneinander abkehren, um sich auf das zentrale Geschehen zu konzentrieren. Warum sind sie hier zusammengekommen? Was bezeugen und worüber reden sie? Diskutieren sie vielleicht über das Schicksal der Heiligen? Sind sie möglicherweise beteiligt? Wissen sie Bescheid und beziehen Stellung? Stimmen zu oder lehnen ab? All diese und andere Fragen bleiben offen für den Betrachter, der ihnen – beim Eintreten durch die Seitentür der Kapelle – unmittelbar gegenübersteht.

Mit dieser Glasgestaltung hat der Künstler ein individuell auf den Raum bezogenes Werk geschaffen, eng verbunden mit dem Ort und seiner Funktion, das einiges andeutet und zugleich offen lässt. Vieles kommt hier im Gegenüber zum Vorschein, das aus einer anderen Ansicht heraus wieder verschwindet. Oftmals treten einzelne Personen und Gegenstände aus der Struktur des Glases hervor, die nur ein paar Schritte weiter wieder untertauchen. Immer geht es um Illusion und Wirklichkeit, um das Anwesende und seine Abwesenheit. Mal ist alles deutlich und klar erkennbar, dann wieder erscheint es diffus und wird unsichtbar – in einer spannungsreichen Wechselwirkung mit dem Licht und Schatten.

Glas als Medium für Licht

Von Anfang an spielt das Licht und sein Zusammenspiel mit dem Raum eine bedeutende Rolle in den Werken von Thierry Boissel. Mehr noch: Es ist eines seiner zentralen Anliegen „lebendige Lichträume zu schaffen, die interaktiv sind, in denen man sich bewegen und einiges entdecken kann“. Dabei arbeitet der Künstler vor allem mit Schmelzglas oder heiß strukturiertem Glas, das er in seinen abstrakten und gegenständlichen Arbeiten mit oder ohne Farbe einsetzt: Als vielfältiges künstlerisches Medium, um das unsichtbare Licht in der Architektur aufzunehmen und auf mehreren Ebenen im Raum sichtbar zu machen. Auch und vor allem in der Kirche von Altenhundem gibt es vielfältige Effekte und Reflexe, wenn das Licht aus seinen unterschiedlichen Quellen auf oder durch die gläserne Fläche fällt, sich in den Ebenen vielfach bricht oder spiegelt, mitunter Farben wiedergibt oder hervorbringt. Entsprechend der Strukturen im Relief nimmt hier das Licht verschiedene körperhafte Formen an und setzt sich darüber hinaus in Bewegung, beginnt zu vibrieren, zu flimmern und schimmern oder auch zu glitzern und glänzen. So erzeugt die gläserne Gestaltung ein wechselreiches dynamisches Lichtspiel, das vielfältig seine Umgebung mit einbezieht und in den Raum hinein wirkt. Mit jeder Veränderung, mit jedem Standort- und Lichtwechsel wandelt sich das Bild und seine in Glas geprägte Darstellung, die mal mehr oder weniger konkret oder abstrakt wahrgenommen wird. Als eine vielschichtige Komposition aus Glas und Licht, die von mehreren Seiten betrachtet werden kann: Ein offenes Kunstwerk, das im Zusammenwirken mit dem Raum in einem immer wieder neuen Licht erscheint.